winterLandschaft
ein ausserirdisches märchen voller stille


Als ich am sonntag, den 23. dezember dieses jahres zu bett gehe, schimmern rötlich die letzten farben des lichts durch die tief stehenden wolken. Nur mühevoll bricht der mond hindurch und übernimmt die herrschaft der nacht. Mit unruhigen flügelSchlägen war der herbst über die vergangenen wochen gestrichen. Kahl und grau breitet sich jetzt eine schneelose landschaft aus. Vor mir sehe ich den kleinen see, an dessen rand sich die bäume junger akazien spiegeln, und ihre blattlosen, braun-dorrenden äste zeichnen sich als dunkle, hilflose schatten über den wellen. Ich frage mich, wie viele nach mir noch den werdeGang der jahresZeiten selbst vor augen haben werden.

Das jahr geht zu ende, und durch den sog meiner gedanken fliessen die erinnerungen wie treibgut. Schwermut befällt mich. Je unachtsamer wir das eigene schicksal in die hand nehmen, desto stärker stehen wir im kampf mit der erde und allem, was auf ihr existiert. Wir können nur hoffen, dass die klimaVeränderungen noch langsamer vonstatten gehen als die klimaVerhandlungen.

Hoffnung und liebe schlagen brücken in die zukunft. Die vorstellung einer besseren welt hält mich in meinem schlaf gefangen. Wenn wir in unseren träumen die zukunft unserer kinder nicht mehr sehen, so ist es, als ob wir den glauben an etwas in unserer eigenen kindheit verlieren und somit auch ein wenig von uns selbst. Das wirkliche leben ist nur ein test. Erst, wenn du im kreislauf der natur zu bestehen lernst, bist du auch lebensfroh genug, um dich dem tod nicht hinzugeben, denn der passt ja nicht so recht zum leben.

Früh ist die dämmerung in die nacht übergegangen. Der zugefrorene see spiegelt die sterne am himmel. Myriaden glitzernder leiber umtosen fern das funkeln vorbeiziehender sonnen. In diesem augenblick nehme ich einen schwachen lichtpunkt wahr, der sich schnell der erde nähert. Und mit silbrigem schweif schlüpft kometengleich ein blitz aus der schwärze des alls. In gelbliches licht gegossen, inmitten einer wolke weissen, herabwirbelnden schnees, dessen klirrende kristalle die offene arme der bäume umflocken, stoppt er über dem see. Aus ihm heraus entsteigt ein wesen, in einer art riesig-rötlicher kapuze, unter der ich jedoch das bizarre anlitz eines fremden gewahre.

Ohne worte, wie sie nur liebende zu sprechen vermögen, vernehme ich den alien:
Wenn man bedenkt, dass es tiere gibt, deren stammbaum millionen von jahren alt ist, hinterlegt ihr menschen doch eher ein spärliches zeugnis der entwicklung. Schliesslich steht ihr erst am anfang eurer geschichte, auch wenn ihr euch schon zu herrschern derselben erkoren habt. Die sackGassen augenblicklicher zivilisation aber dienen bis jetzt lediglich der betonierung eigener schicksale.

In einer bald zerstörten welt ohne sauerstoff und lebensfreundliche bedingungen gibt es jedoch möglichkeiten künstlicher harmonien. Diese sind nunmehr zusammenhalt elektronischer impulse, ausserhalb von wirklichkeit und doch real. Lernt wieder untereinander kommunizieren, euch verstehen und damit den weg der erde mit dem euren vereinen.

Eine art subtile verknüpfung liegt in seinen worten, dass ich fühle, ihr gleichgewicht könne bereits durch ein flüstern zerstört werden. Der ausserirdische öffnet mein rückenMark und hinterlegt dort eine art interface. Eine bioneurale schnittstelle, bei der ich den aufschrei der welten explodieren höre. Schwärze überzieht mein gehirn, und aus ihrem taumel erwachsen stimmen der klarheit, die uns menschen nur als panne zwischen zwei eiszeiten empfinden. Eine reife dringt in mich als ein übergang von überlegungen, wie die dinge sind hin zu einem zustand, wie sie sein sollten.

Ich spüre mein glück, als er mir seine wärme gibt. Und fühle sein glück, währenddessen er sich mit mir verbindet. Ich weiss von dem glauben, dass in einer zeit vor 2000 jahren jemand auf die erde herabgekommen sein soll. Aber mittlerweile waren wir schon auf dem mond. Ich sehe den alien davon fliegen. Und nur meine erinnerung bleibt zurück, wie ein stern am himmel, der nachts zu uns herunterleuchtet, fest und unvergänglch und ebenso fern.

Wenn die wahrheit die legende einholt, wird trotzdem die legende geglaubt. Und dennoch bin ich mir sicher, dass sich alles so begeben hat. Die nacht hat sich nun zu einem klaren morgen gelichtet. Ich erwache und blicke zum fenster hinaus. Schnee ist die farbe des winters. Am rand des sees hängt jetzt über den akazien ein weisses tuch leuchtender kristalle und verleiht ihnen den musealen charakter von gänseFlaumen. Die schwere des schnees neigt die äste der bäume über den see.

Tief in mir spüre ich einen warmen hauch, der meine wirbelsäule entlang kriecht. Und als er mein bewusstsein erreicht, fühle ich wieder hoffnung, die die erde durchzogen haben muss, als auf ihr das erstemal leben zu atmen begann.



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