frühlingsErwachen
das mächen von Sheheresades ring


Der morgenTau erwärmt den schleier des schneeNebels, der von den nahen bergen tropft. Allmählich beginnt die flut des frühlings die blasse lebenslust der bäume zu wecken.

Noch fahl scheint das mondLicht durch das halbgeöffnete fenster. Matt setzen die runden verzierungen des fensterRahmens dunkle kreise ins kleine zimmer. In ihrem halbschatten sitzt Sheheresade und weint. Sie ist im alter, in dem eine heirat am hofe geboten scheint. Doch alle bewerber hat sie bislang abgelehnt. Der letzte der jungen prinzen aber schenkt ihr einen goldenen ring, als unterpfand seiner liebe für den tag ihrer vermählung. Ihr wunsch jedoch ist, sich ihren mann selbst auszusuchen, dem sie mit aller zuneigung ein lebenlang zur seite steht. Doch die etikette verlangen eine prüfung der magie, nicht der liebe.

Ihre von tränen und tiefem kummer geröteten augen blicken traurig in die dämmerung jenseits des balkons. Wenn sie nicht bald zur heirat bereit ist, muss sie sich dem schicksal einer weitaus stärkeren macht ergeben.

Jenseits der berge, umgeben von der wüste Mora, wohnt ein dämon, an den des königs reich verfällt, wenn sich keiner der jünglinge findet, sich dem vermächnis von schutz und tribut zu unterwerfen und mehr noch, sich der magie des dämons als würdig und ebenbürtig zu erweisen. Ansonsten muss sie sich endgültig dem bösen fügen, dessen blutrünstige gier allenorts bekannt ist.

Und nun schwebt etwas riesiges vor ihr auf, mächtige flügel verhüllen den fernen mond. Der vogel Greif ist gekommen, um das leben der jungfrau zu fordern.

Entsetzt schaut sie das bizarre ungetüm an. Doch es ist zu spät für eine flucht. Mit seinen kräftigen krallen packt er das mädchen und zieht sie in die lüfte.

Weit unter ihr verbleibt der palast als eine insel inmitten der stadt. Bald jedoch ist nichts mehr zu sehen als der gelbe sand der Mora. Der vogel fliegt mit ihr in die tiefe der endlosigkeit, dorthin, wo kaum ein mensch je war.

Nach einer weile, als Sheheresade bereits ohnmächtig zu werden droht, setzt der Greif zur landung an. Über einer öffnung im heissen sand lässt er sie los. Kopfüber stürzt sie in ein steinernes verlies, nichts weiter als ein loch, das sich nach allen seiten nahtlos fügt. Nur oben ist der eingang, über dem sich jetzt ein eisengitter schliesst.

Sheheresade ist allein. "Bei den ersten sonnenStrahlen wirst du rösten, am mittag werde ich dich dann verspeisen," hat der riesige vogel noch gekräht, bevor er wieder emporgeschwungen ist.

Die nacht verbringt sie furchtsam und wie von fremdem unbill gefesselt. Alsbald wird es wieder hell, und es währt nicht lange, da lukt der erste sonnenStrahl über den rand des brunnenen gemäuers. Mit einem mal ist es ihr, als glitzert etwas an ihrem finger, vom warmen licht zum leben erweckt.

Der ring des prinzen!

Als sie ihn hoch hält, um ihn näher zu betrachten, reflektiert er gleissend das eindringende licht hinauf. In diesem augenblick vernimmt sie vom rand des brunnens ein merkwürdiges geräusch, und es scheint, als ob die gitterstäbe schmelzen.

Verwirrt steigt sie empor und schaut hinaus. Am rötlichen horizont der morgenDämmerung erscheint nun im lauten galopp ein weißes pferd, und auf ihm sitzt der prinz. Und wie von geisterHand öffnen sich knarrend die letzten stäbe des rostigen gitterDachs. Als der junge mann sie erreicht, schliesst er sie in die arme und sagt: "Sheheresade, meine geliebte. Erst der ring hat mir von deiner entführung erzählt, und als du ihn einsetztest, da wusste ich, wo ich dich finden würde."

So gibt er ihr das leben zurück, und ihr wird klar, daß es dafür da ist, um es mit ihm zu teilen.

Der ring aber überwachte das königreich von Sheheresade, und solange er durch ihre liebe im vollen mond erstrahlte, blieb dem greif das eindringen diesseits der berge machtvoll verwehrt.



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