mittSommerNacht
ein mondsüchtiges Märchen


Vor mir erweitert sich das tal zu einer breiten ebene. Matt und silbern vom mond beschienen, gleissen die ränder der schlanken bäume vor dem hintergrund des dichten gebüschs. Unter mir höre ich das gurgeln eines baches, sehen kann ich hingegen nur seine ausläufer am dunklen horizont, wo sie das meer erreichen. Doch von dort dringt kein schall zu mir, da die klare luft ihre nähe nur vorspielt.

Tief atme ich das würzige aroma der nacht. Ich beuge mich vor und höre ein gurgeln wie das atmen eines schlafenden. Die vielen bäume, das dichte gestrüpp und das hohe gras verbergen den wasserLauf. Aber er muss irgendwo von hier oben kommen. Morgen werde ich einmal nachsehen. Seine quelle stelle ich mir als rinnsal vor, das aus dem felsen tritt, da, wo er porös ist, wo sich ein riss der drängenden feuchtigkeit öffnet. Lebensnotwendiges wasser für das korn der felder.

Nur anhand des blubbernden säuselns vermag ich seinen lauf zu verfolgen. Es ist das einzige geräusch, das hier ankommt. Bei mir selbst nehme ich das unendliche gezirpe der grillen wahr, ihr scheuern am gezackten bein. Sonst schweigt die natur.

Die luft ist lau, und der wind streicht leicht über mein haar. Ich rieche die frische kühle der dunkelheit, des feucht werdenen grases und der lehmigen erde unter mir. Es wird ein guter tag. Bei zunehmendem mond gesäht, wachsen oberirdische pflanzen am besten. Die überbevölkerung der menschen und ihre ernährung hat für ein ökologisches umdenken gesorgt.

Ich stelle mich an den rand des talbruchs und geniesse den ausblick über die im fahlen mondLicht liegenden weizenFelder. Und doch ist es erst füher nachmittag.

Wenn der mond tagsüber scheint, wird die klimaZone verdunkelt. Der sommer beginnt, und der künstliche trabant steht den ganzen tag oben am himmel. Es ist die einsicht der erde, daß sie einem rhytmus unterliegt, der ihr vor ewigen zeiten bestimmt wurde. Die flora bedarf des mondes, seiner gravitation und ausstrahlung. Und auch den tieren und menschen ergeht es ähnlich. MittsommerNacht als eingeständnis unserer abhängigkeit.

Ich schaue hoch zum dunkelblauen himmel, in dessen weite winzige sterne blinken. Die kuppel, die die erde überragt, sie in gewaltiger höhe umschliesst, ist nicht zu sehen. Unsichtbar reguliert sie wetter, klima und die zeit, schirmt uns vor kosmischer strahlung und bindet die atmosphäre. Nur selten noch wird das tor zur ewigkeit durchstossen, wenn ein mineralTransporter auf seinem weg zum mond ist. Zum wirklichen mond, dem, der seit jahrmillionen die geschicke der erde bestimmt.

Ich schaue zum fernen gestade des meeres hinunter, das in der dunkelheit tiefblau blinkt, und dessen wellenkämme bei jeder bewegung im künstlichen mondLicht glitzern. Es ist ein schöner anblick. Ich seufze.

Entschlossen stehe ich auf und beginne den abstieg. Die aussaat des jahres ist ein wichtiger moment für die menschen. Und heute ist ein günstiger zeitpunkt. Wenn der mond schon mittags scheint.



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